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Gesellschaft / Halle / Nachhaltigkeit

Fridays For Future – Dritter Auftakt in Halle

Fridays For Future – Dritter Auftakt in Halle

Fridays For Future: Eine Bewegung auf der Überholspur

Fridays For Future:
Was im August letzten Jahres als Protestaktion der schwedischen Schülerin Greta Thunberg begann, in welcher sie jeden Freitag die Schule bestreikte, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen, wurde in weniger als einem Jahr zu einer weltweiten Bewegung von Schülerinnen, Schüler und Studierenden. Eine Bewegung, in welcher die Jugend versuchen will ihre Zukunft zu retten, in welcher sie sich gegen die Tatenlosigkeit von Politik, Industrie und Gesellschaft angesichts des Klimawandels stemmt. Eine Jugend, welche längst als politischer Akteur auftritt und die derzeitige Politik und Gesellschaft unter Druck zu setzt. Seit dem 15. März dieses Jahres, wo Fridays For Future weltweit 1,8 Millionen junge Leute auf die Straße brachte und somit den Durchbruch zu einer der größten Massenbewegungen des 21. Jahrhunderts schaffte, gehen auch in Halle monatlich SchülerInnen und Studierende für das Klima auf die Straße. Und sie werden nicht leiser.
Die Politik hat in der Vergangenheit über den Klimawandel nur geredet, verhandelt und vereinbart, während die fossilen Brennstoffe weiter ungehindert aus den Böden geholt wurden. Fridays For Future will den Anfang eines Umdenkens einleiten und den nötigen Reiz zum Handeln setzen, zu einer klimafreundlicheren und nachhaltigeren Zukunftsgestaltung.

Seit dem sehen sich die Demonstrierenden mit Vorwürfen konfrontiert, welche nicht nur vom poltischen rechten Rand kommen, wo „Klimawandel-Skepsis“ zum guten Ton gehört, sondern auch von konservativen und liberalen Politikern. Meistens wird sich über das „Schule schwänzen“ echauffiert, aber auch pure Ideologie und Unkenntnis an die jungen Demonstranten adressiert. So hat Christian Lindner von der FDP in einem Tweet den Schülern die Kompetenz abgesprochen und die Angelegenheiten um den Klimawandel als „Sache für Profis“ bezeichnet.
Doch ausgerechnet die Profis, oder auch Wissenschaftler, haben sich kurz darauf durch eine Stellungnahme mit über 26000 Unterschriften voll und ganz hinter die Schüler gestellt, dazu keine Reaktion von Herrn Lindner. Auch in der Wissenschaft herrscht der Konsens, dass wir mit unseren bisherigen „Bemühungen“ die Ziele des Pariser Klimaabkommens weit verfehlen und die Folgen für den Planeten katastrophal wären.

Besetzung des Melanchtonianums

Am 24.05.2019, dem Freitag vor der Europa- und Kommunalwahl in Halle, ging Fridays For Future bei uns das dritte Mal auf die Straße. Am gleichen Tag wurde von den studentischen Fridays For Future – Unterstützern „Students For Future“, mit Unterstützung des Klimagerechtigkeitsbündnisses „Ende Gelände“,  eine aufsehenerregende Soli-Aktion gestartet, in welcher das Melanchtonianum der Martin-Luther-Universität besetzt wurde. Das Ziel der Besetzung einen Tag vor dem Hochschulinformationstag, war es die Universität zu einem positiven Bekenntnis zu den Protesten und zum Engagement im Sinne nachhaltiger Politik zu bewegen. Die Aktivistinnen, welche vom Balkon des Gebäudes zu den Demonstranten sprachen, sehen die Universität als Bildungsinstitut mit gesellschaftlicher Verantwortung, welche sich auch als wissenschaftliche Einrichtung zur Umweltfrage positionieren muss.  Stattdessen verhalte sie sich in dieser Frage rücksichtslos und verschwenderisch und ignoriere studentische Initiativen. Die Störung des Universitätsbetriebes sollte auf die Probleme aufmerksam machen und die Zurückhaltung der Universität in Frage stellen.

Die Aktivistinnen verwiesen außerdem auf die Alternativlosigkeit von den Schulstreiks, da die große Aufmerksamkeit, die sie erhalten eben auf der Regelverletzung (Abwesenheit vom Unterricht) basiert. „Streiken und Besetzen, bis sich etwas ändert“, wurde der Menge als Devise zugerufen.

Eine weitere Aktivistin von „Students For Future“ erklärte in einem Redebeitrag die Ziele ihrer Soli-Bewegung näher:
Da Bildung eine wichtige Basis zur nachhaltigen Lebensart darstellt, sollen die Themen rund um das Klima in allen Bildungsinstituten in den Lehrplänen aller Fächer vermittelt werden. 2011 habe sich die Martin-Luther-Universität zur Nachhaltigkeit bekannt. Seit dem arbeiten engagierte StudentInnen unter anderem die Initiative „nachhaltig“ an einem „Green Office“ in der MLU. Dies sei ein guter und notwendiger Schritt, welcher von der Universität tatkräftigt unterstützt werden soll. Die Universität soll aufhören auf ihre Neutralität zu verweisen und stattdessen im politischen Diskurs Stellung nehmen und klimarelevante Aspekte repräsentieren.

 

Redebeiträge am Leipziger Turm

Nach dem großen Aufeinandertreffen auf dem Universitätsgelände, bewegte sich der Demonstrationszug schließlich zum Leipziger Turm, wo er seine Abschlusskundgebung hielt.

Ein Redebeitrag ging von der „Bürgerinitiative Saaletal“ aus, welche sich von den Demonstrierenden am 28.05.2019 vor dem Bundesverwaltungsgericht Leipzig eine Demoaktion gewünscht hat. An diesem Tag findet nämlich die Verhandlung zur A143 statt, welche sich die Bürgerinitiative zu verhindern wünscht, da die geplante Autobahn droht Naturschutzgebiete zu zerstören, wodurch auch seltene Tierarten bedroht sind. Dem Aufruf folgten dann tatsächlich ungefähr 40 junge Leute, welche sich am Dienstag mit Transparenten vor dem Gerichtsgebäude trafen.

Ein weiterer interessanter Redebeitrag kam von einem Wissenschaftler des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), welcher jedoch als Privatperson ansprach und seinen Namen nicht öffentlich erwähnte.
Dieser sprach sich gegen die gern aufgegriffene Sorge aus, dass der Kohlestopp haufenweise Arbeitsplätze kosten würde.
Laut seinen Aussagen arbeitet lediglich ein halbes Prozent im Raum Halle-Leipzig in der Kohle. Ein Kohlstopp würde den Arbeitsmarkt insgesamt also kaum beeinträchtigen. Die wirkliche Sorge der Kohlearbeiter gilt eher der guten Bezahlung, was jedoch ein fraglicher und definitiv egoistischer Grund wäre Klima und Landschaften zu opfern. Der Politik allerdings ginge es eher um die Wertschöpfung in den Regionen, die von der Kohle leben, welche dann bereits 2-3% ausmacht. Diese Wertschöpfung stehe aber nicht im Verhältnis zu den Schäden durch die Kohle.
Desweiteren sollen über die Hälfte der Beschäftigten älter als 50 Jahre sein. Da das reelle Rentenalter in der Kohle bei 63 Jahren liegt, wird in diesem Industriezweig die Zahl der Beschäftigten bis 2038 also erheblich schrumpfen.
Zum Schluss appellierte er an die Politik, Geld in die richtige Richtung, in eine zukunftsfähige Industrie mit einer cleveren Produktion zu investieren. Um den Wandel zu erreichen, wären Forschung und Wissenschaft entscheidend, weswegen in seinem Redebeitrag die Aktionen auf dem Universitätsgelände sehr gelobt wurden.

Diskussionsrunde mit Vertretern der Stadt

Einen Erfolg kann die hallesche Fridays For Future – Bewegung bereits verbuchen. Die Stadt versucht sich an die Demonstrierenden anzunähern. Nachdem im April die Organisatoren der Demonstrationen in den Stadtrat eingeladen wurden, um ihnen die Nachhaltigkeitskonzepte der Stadt vorzustellen, kamen dieses Mal mehrere Politiker und Stadtvertreter in die Goldene Rose, um die Forderungen von Fridays For Future zu diskutieren. Unter den Teilnehmenden waren unter anderem Dennis Henning von den Grünen, Hendrik Lange von den Linken, Kai Krause von der FDP und Malthe Hirschbach von Die Partei. Von den Stadtwerken waren Matthias Lux und Jens Rudolph zugegen. Von der städtischen Verwaltung kamen Oliver Pausen (Grüne) in Begleitung von Sabine Ernst und Pressesprecher Drago Bock.

Der Forderungskatalog teilte sich in 4 Rubriken ein: Mobilität, Energie, Ernährung und Sonstiges.

Unter Mobilität wurde vor allem eine Verringerung des Benzinverbrauchs um 50% gefordert. Dafür soll der Umweltverbund (ÖPNV, Rad und Fußverkehr, Car- u. Bikesharing) gestärkt, Fahrradmobilität ausgebaut und zeitnah der Verkehr in der Innenstadt verringert werden, bis hin zur Idee einer autofreien Innenstadt.
Es wurde auch die Überlegung eines kostenlosen Nahverkehrs eingebracht, wo sich jedoch schnell die Schwierigkeit abzeichnete, wie die Kosten ansonsten getragen werden können. Sollte z.B. eine Steuer für alle Bürger der Stadt oder nur für Unternehmen an Stelle des Fahrpreises kommen?  Seitens Fridays For Future wurden außerdem Vorschläge für freiwillige Zahlleistungen oder eine Zusatzsteuer gemacht. Am Ende war man sich einig, dass die Finanzierungsebenen auf kommunaler Ebene diskutiert werden müssen.
Für das Ideal einer autofreien Innenstadt wurde die Idee laut sich dem Schritt für Schritt über temporäre Maßnahmen, wie z.B. Stadtfeste, wo der Verkehr eingeschränkt wird, anzunähern. Diese Idee wurde vor allem von Hendrik Lange (Linke) unterstützt. Seine Partei begrüßt z.B.  schon länger die Idee einer autofreien Altstadt.
Oliver Pausen brachte allerdings den Einwand, dass regelmäßige Fahreinschränkungen von kommunaler Seite nicht auferlegt werden können, da dies auf Bundesebene entschieden wird. Darauf bezogen wünschte sich Fridays For Future mehr Mut zur Lösungssuche und langfristige Planstrategien nach Vorbild der Niederlande. Solche wären in der Stadt zwar gegeben, jedoch nicht mit ausreichender Entscheidungskraft angegangen.

Bezüglich dem Thema Energie forderten die Teilnehmenden von Fridays For Future 50% erneuerbare Energiegewinnung bis 2026, Stopp des Zukaufs von Kohle- und Atomstrom, und die ausschließliche Versorgung von öffentlichen Einrichtungen mit Ökostrom. Desweiteren soll die Stadt stärker klimaneutrale Projekte fördern und Ideen für Klimaschutz sicherbarer machen. In Kritik gerieten hier vor allem die Stadtwerke, welche zwar in ihrer Palette fair angepreiste grüne Stromangebote haben, jedoch unsaubere Sparangebote gern in ihrer Liste nach ganz oben stellt und so am sichtbarsten macht. Das Thema Nachhaltigkeit schien nicht die Priorität zu sein und die Verantwortung auf den Kunden abgewälzt. Dies soll zukünftig besser angegangen werden.

In der Ernährung wurde vor allem die Entwicklung einer Ernährungsstrategie aus der Zusammenarbeit der Stadt mit der umliegenden Landwirtschaft gefordert. Vegane, vegetarische und ökolgisch hergestellte Lebensmitteln sollen in öffentlichen Einrichtungen, wie Universitäten und Schulen verstärkt angeboten und gefördert werden. Zuletzt im Themenbereich Ernährung wurde die Verhinderung von Nahrungswegwürfen, sowie die Stärkung von Projekten gegen Verschwendung gefordert.

Unter Sonstiges fielen die allgemeinen Umweltschutzbemühungen: Allgemeine Aufklärung über die Folgen des Klimawandels, Insektenschutz (z.B. durch Blühstreifen an Straßen- und Wegesrändern), Verringerung der Müllproduktion, z.B. durch Verbot von Einwegplastik auf städtischen Veranstaltungen, Recyclingpapier an öffentlichen Einrichtungen und den Abzug von Investitionen in fossile Brennstoffunternehmen und wenn möglich die Reinvestition in nachhaltige Anlagen.

Die Teilnehmer führten eine weitgefächerte Diskussion. Im Anschluss boten die Vertreter der Stadt weitere Treffen für Gespräche und gemeinsame Projektarbeit an.

Besonderes Lob kam von Hendrik Lange (Linke), welcher die Ideenvielfalt begrüßte, den Dialog und das schrittweise Vorgehen als besten Weg für eine ökologische Entwicklung der Stadt sah und wünschte einen baldigen Katalog für eine Arbeitsstrategie.

Von Dennis Henning (Grüne) kam der Vorschlag Experten hinzuzuholen, welche immerhin die Thesen von Fridays For Future unterstützen.

Weitere Treffen werden nun abgesprochen in den jeweiligen Fraktionen abgesprochen.

 

Politisierung der Jugend

An solchen Zusammenkünften ist erkennbar, welche Dimension die politische Aktivität der Jugend bereits hat. Fridays For Future ist ein unübersehbares Zeugnis einer politisierten Jugend, deren Einfluss auf die Politik immer stärker wird. Nun sitzen Jugendliche, einige noch keine zwanzig Jahre alt und einige sogar unter 18, mit Politikern in einem Raum und denken über Strategien nach, wie man eine Gesellschaft etabliert, die eine erträgliche Zukunft verspricht. Die Jugend wird zunehmend zu einer eigenen politischen Kraft. Hoffen wir, dass sie die Weichen zu einer lebenswerten und gesunden Zukunft legt.

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