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Gesellschaft / Halle / Nachhaltigkeit

Halle und der Umweltschutz

Halle und der Umweltschutz

Letzten Freitag, am 12.04. fand in meiner Heimatstadt Halle ein weiterer Protest im Rahmen der Fridays For Future – Bewegung statt. Es waren diesmal nicht so viele Teilnehmer, wie zur europaweiten Aktion den Monat zuvor, dennoch gingen laut Veranstalter 500 junge Menschen für das Klima und unsere Zukunft auf die Straße und veranstalteten wieder lauten Protest gegen die unausgereifte Klimapolitik von Bund und Ländern. Diesmal gab es auch einen Austausch zwischen Vertretern der Bewegung und Vertretern der Stadtverwaltung und der Stadtwerke.
Ein Ergebnis ist, dass Halle tatsächlich einige gute Ambitionen zum Klimaschutz vorzuweisen fähig ist, wie man der Präsentation der Stadtvertreter entnehmen kann. Doch stellt man diese Ambitionen ins Verhältnis zu diversen anderen Projekten der Stadt, welche natürlich in der Präsentation nicht erwähnt werden, so wird es schwierig Halle eine umweltschonende Politik zu Gute zu halten.
Ich spreche dabei vor allem von drei Stadtvorhaben, welche bereits umgesetzt werden oder in naher Zukunft geplant sind:
1. Ein Gewerbepark bei Tornau/Oppin, welcher mit dem derzeit noch stillgelegten Plan einer Nordtangente,
2. die Umgestaltung der natürlichen Umgebung des Hufeisensees zu einem „Naherholungsgebiet“, nach der Errichtung eines Golfplatzes direkt am See und
3. Der für 2020 angelegte Plan die A143 auszubauen.

  1. Der Gewerbepark und die Nordtangente

Bei Tornau, nördlich der Stadt Halle soll ein 175 Hektar großer Gewerbepark entstehen. Dieser schafft wiederum Fakten für die Nordtangente, deren Planung im letzten Jahr vorerst dank Bürgerprotesten angehalten wurde. Sollte jedoch der Gewerbepark entstehen, wird die Notwendigkeit der Nordtangente sicher wieder hervorgehoben. Diese würde von Mötzlich/Tornau/Oppin aus direkt südlich an Seeben vorbei, bis zum Gewerbegebiet  Trothauer Hafen verlaufen.
Bei einer Tangente handelt es sich nicht um eine einfache Landstraße. Es handelt sich um eine Schnellstraße, welche vor allem die Gewerbegebiete miteinander verbinden soll. Der Gedanke hinter dieser Art von Straßen ist, dass sie den Verkehr in der Innenstadt entlasten. Beispiele aus der Vergangenheit, sowie mehrere Studien zeigen jedoch das Gegenteil. Eine Nordtangente, vor allem zwischen Gewerbegebieten, würde kaum den Verkehr in der Innenstadt entlasten, wie CDU und andere Befürworter der Straße ständig argumentieren, sondern den Gesamtverkehr am Rand der Stadt verstärken.
Dies würde nicht nur starke Belastung für die betroffenen Orte darstellen, sondern auch den natürlichen Charakter des Nordens stark beeinträchtigen und Rückzugs- und Übergangsgebiete für Insekten, Vögel und Wild zerschneiden. Der Biodiversität wird so erheblich geschadet und der bereits dramatische Rückgang der Biomasse weiter beschleunigt. Wie weit wir in Halle diesen Rückgang bereits vorangetrieben haben, zeigen Beispiele auf der Aktionsseite nordangente.info:

  1. Feldlerche: Ihre Bestände sind zwischen 1998 und 2009 um fast 40 Prozent zurückgegangen. Die Vögel finden kaum noch Platz zum Brüten. [1]
  2. Rebhuhn: Bestände sind in Deutschland von 1990 bis 2015 um 84 Prozent zurückgegangen. [2]
  3. Bestandsabnahme von 1990 bis 2013: Kiebitz 80 Prozent, Braunkehlchen 63 Prozent, Uferschnepfe 61 Prozent. [3] Über den 12-Jahres-Zeitraum zeigte ein Drittel aller Brutvogelarten (84 Arten) signifikante Bestandsabnahmen, Arten des Offenlandes und des Siedlungsbereiches zeigten die stärksten Rückgänge. Wichtigste Ursachen: Lebensraumveränderungen, Verringerung des Nahrungsangebotes (insbesondere Rückgang der Insektenbiomasse).
  4. Wann haben Sie das letzte Mal einen Schwalbenschwanz gesehen? Wann haben Sie das letzte Mal einen Bläuling? Die Zahl der Schmetterlinge hat zwischen 1990 und 2011 um rund die Hälfte abgenommen, so die Europäische Umweltagentur (EEA) 2013.
  5. Insektensterben in Deutschland: Rückgang der Biomasse um durchschnittlich 76 Prozent seit 1989. [5]
  6. Zwischen 1970 und 2014 ist die Zahl der in Wildnis lebenden Wirbeltiere durch menschliche Aktivitäten um 60 Prozent zurückgegangen. [6]

Wir erleben gerade ein stilles Artensterben und zwar nicht im fernen Afrika, sondern direkt vor unserer Haustür. Und nicht nur ein bißchen, sondern extrem und exponentiell. Unsere Natur muss geschützt werden, nicht zu betoniert werden!“

Jede Person über 16 Jahre mit aufmerksamen Augen und Ohren bemerkt, dass das Brummen und Schwirren der Insekten auf Wiesen und zwischen Ästen schwächer und seltener wahrzunehmen geworden ist. Vogelbeobachtern ist in den letzten Jahren ebenfalls ein erheblicher Bestandsverlust aufgefallen. Beides hängt miteinander zusammen und beide brauchen Platz für Nahrung und Unterschlupf.
Halles ornithologischer Verein zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen dem Artenrückgang und dem Verlust von Feldlandschaften auf.

175 ha. ist eine riesige Grünfläche, die dem Industriebetrieb weichen soll. Es geht nicht nur darum einen schönen Wanderweg zu erhalten. Es geht um nötigen Lebensraum. Der derzeitige Rückgang heimischer Arten zeigt, dass es nicht mehr verträglich ist, unsere heimische Natur weiter zuzubauen.

  1. Hufeisensee

Wie die Natur zurückweichen muss, damit ein Areal vermeintlich „attraktiver“ wird, kann man bestens am halleschen Hufeisensee beobachten. Nachdem die Stadt 2015 dem Bau eines Golfplatzes zustimmte und daraufhin gleich eigenständig einen Bebauungsplan entwickelte, welcher den See zu einem Freizeit- und Erholungsort umgestalten soll, geht Jahr für Jahr die Natürlichkeit verloren. Dies ist traurig, da der Hufeisensee, welcher zu DDR-Zeiten als Mülldeponie genutzt wurde, ein Symbol dafür hätte sein können, wie prächtig sich die Natur entwickelt, wenn man sie einfach nur lässt. Am östlichen Ufer, wo nun der Golfplatz ist, haben wir ein wildgewachsenes Diestelfeld verloren, was vermutlich Millionen Hummeln, Bienen und andere Insekten ernährte und Unterschlupf gab. Das nördliche Wäldchen wird gerade in diesem Moment durch den Weiterbau eines asphaltierten Rundwegs ausgedünnt, welcher sich mehr durch die Landschaft frisst, als hindurch zu führen. Man hat vor Augen, was der Bebauungsplan am Ende aus dem Hufeisensee machen wird: einen weiteren Park. Die Szenerie erinnert bereits eher an die Peißnitz, als an das, was der Hufeisensee mal war und eigentlich zum Wohle der Natur sein sollte. Hier gehen wichtige Lebensräume eines vielseitigen Habitats verloren. Der Rundweg schneidet sich durch die Landschaft, trennt voneinander abhängige Lebensräume mit im Sommer brennend heiß werdenden Asphalt. Durch die intensivierte Freizeitnutzung gehen auch ökologische Ruhezonen verloren. 2020 wird der Weg abgeschlossen sein und dem Golfplatz soll eine Wakeboard-Anlage folgen. Man kann also noch beobachten, wie natürliches Areal Stück für Stück von einem Freizeitpark ersetzt wird.

  1. A 143

Zu schlechter Letzt plant Halle am Weiterbau der Autobahn A143 direkt durch die Landschaftsschutzgebiete durch das Saaletal bei Brachwitz. Zum einen muss gesagt werden, dass dank einer Klage des NABU vorm Bundesverwaltungsgericht Leipzig ein noch viel destruktiverer Plan verhindert wurde, welcher den Schutz des FFH-Gebiets mit seinen Porphyrkuppen völlig missen ließ. Nun wurde der Plan durch die naturschutzrechtlichen Anforderungen angepasst, die Porphyrkuppen sollen durch einen Tunnel unterlaufen werden, durch lärmmindernden Fahrbahnbelag und Lärmschutzwände sollen Ortschaften und ökologische Ruhezonen entlastet werden. Durch (Zitat) „Grünbrücken und einer sogenannten Grünspange mit integrierten beziehungsweise anschließenden Irritations- und Kollisionsschutzwänden“ soll die Überwanderung für Wildtierarten weiterhin möglich bleiben. Es ist jedoch mehr als bedenklich, dass diese Maßnahmen eingeklagt werden mussten und nicht selbstverständlich in die Planung eines Straßenbaus einbezogen werden. Mir erschließt sich außerdem kaum, weswegen der Verlauf ausgerechnet an Brachwitz vorbei, direkt durch das Landschaftsschutzgebiet verlaufen muss, anstatt den Verlauf westlich von Salzmünde zu planen, wo zwar landwirtschaftliche Nutzflächen, jedoch keine solch wertvollen Naturhabitate verlaufen. Ist es nicht möglich sich mit den Landwirten zu einigen, sodass die Flächen am Ufer für den Straßenbau erschlossen werden können? Oder war es schlicht einfacher und günstiger durch das Naturschutzgebiet zu bauen, weil die Natur keine starke Lobby hat? Selbst mit Verbesserungen des Plans ist es unmöglich eine Autobahn durch ein Naturschutzgebiet zu errichten, ohne die Qualität des Naturschutzes einzuschränken. Die Maßnahmen sind lediglich Schadensbegrenzungen.

Wachstum?

Immer wieder wird für solche umweltschädigenden Prozesse mit zwei Schlagwörtern argumentiert: „Wachstum“ und „Arbeitsplätze“. Auf dem Altar dieser „Lebensphilosophie“ des industriellen Kapitalismus wird unsere Natur, welche ja nur der Grund ist, auf welchem wir alle leben, zu lange geopfert. Dies muss sich ändern. Wachstum und Arbeit gibt es nicht nur in der Industrie. Wir müssen umdenken und die Gewichtung neu verteilen. Wachstum und Arbeit sollte auf Bildung, Wissenschaft und gesellschaftlichen Fortschritt konzentriert werden. Die Politiker mahnen lauthals, dass die protestierenden Schüler von Fridays For Future wertvollen Unterricht verpassen, sparen aber auf anderer Seite im Bildungssektor ein, sodass die Schüler ständig mit Lehrermangel, einem veralteten, seit Dekaden kaum reformierten Schulsystem und technischer Ausstattung des letzten Jahrhunderts lernen müssen, was Eltern nostalgische Gefühle verschafft, wenn sie die Klassenräume betreten.
In diese Bereiche investieren, würde auch Arbeitsplätze schaffen und will irgendjemand wirklich behaupten, dass die Gesellschaft daraus nicht wachsen würde? Aus der Bildung kommt der Antrieb für die Gesellschaft. Wachsen wir endlich wirklich über uns hinaus!

Halle hat definitiv nicht zu wenig Industrie, also sollte die Stadt ihre Vermarktung auf diese Gebiete konzentrieren, statt neue zu schaffen. Es ist kein Wunder, dass unsere Tierwelt schrumpft und verschwindet, wenn wir ihr stetig neuen Lebensraum stehlen.

Die Stadt denkt wohl, dass das Land, was der Industrie geopfert wird, irgendwo wieder kompensiert werden kann, aber Land ist kein nachwachsender Rohstoff!
Unsere Politik muss endlich anfangen Wissenschaftlern zuzuhören, statt der Industrie mit ihren Lobbyisten. Diese warnen viele Jahre lang von den Folgen des stetigen industriellen Ausbaus für Klima und Umwelt. Wir brauchen nicht mehr Autos und Straßen, wir brauchen  Ideen dafür unser Leben und unseren Wohlstand  umweltverträglich und nachhaltig zu sichern. Dafür wäre es vorteilhaft in Innovation zu investieren und Platz für diese neuen Ideen zu schaffen, statt der Großindustrie stetig neue Zugeständnisse zu machen. Natürlich dürfen wir auch nicht davor zurückschrecken mal Verzicht zu üben und das eine oder andere Opfer für die Natur und damit für unsere Zukunft zu geben. Diese Welt hat viel zu viel für uns geopfert und kommt an die Grenze ihrer Kapazitäten. Erst, wenn dieses Umdenken stattgefunden hat, entsteht ein nachhaltiges Wachstum, was uns als Menschheit wirklich voranbringt, anstatt nach uns die Sintflut zu hinterlassen.

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1 Comment

  1. Der Artenrückgang ist schon erschreckend. Dennoch ist dies fast keinem bewusst.
    „Arbeitsplätze“ und „Wachstum“ ist jedoch das Einzige was heutzutage zählt. Für eine erst in 10 Jahren lebenswerte und grüne Stadt mit bewusst geförderter Digitalwirtschaft (anstatt neu angesiedelter Logistikunternehmen innerhalb weniger Monate) macht sich heute kein Politiker stark.

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