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Ethik / Gesellschaft / Kultur

Rammsteins “Deutschland” – Eine Kritik der Kritik

Rammsteins “Deutschland” – Eine Kritik der Kritik

Rammstein hat es wieder geschafft! 10 Jahre lang war Funkstille. Nun steht ein neues Album in den Startlöchern, eine erste Veröffentlichung, erst in Form eines Teasers, welcher mit nur 36 Sekunden über die Landesgrenzen hinaus für Empörung sorgte und kurz darauf das erste veröffentlichte Lied, „Deutschland“, was zumindest die Wogen etwas glättete. Doch es bleibt ein Nachgeschmack.

Ich möchte eins gleich vorweg nehmen. Wer das jetzt noch darauf pocht, dass Rammstein rechts sind und Nationalismus propagiert, will sich mit der Band offenbar nicht auseinandersetzen und kann an dieser Stelle aufhören zu lesen.
Ich will mich in erster Linie mit berechtigten Kritikpunkten an dem Teaser und dem Gesamtwerk auseinandersetzen und dabei versuchen zu erkennen, was davon gerechtfertigt und was völlige Missachtung der künstlerischen Aussage ist.

 

Was ist nun der Aufreger?

Als Rammstein den Teaser für ihre neueste Veröffentlichung in den Umlauf brachte, war die Aufregung vorauszusehen, vermutlich auch einkalkuliert. In einem 36-sekündigen Videoausschnitt sieht man die doch eher teutonisch wirkenden Bandmitglieder in KZ-Häftlingskleidung, mit Schlinge um den Hals in die Ferne starren. Sie scheinen auf ihre Hinrichtung zu warten. Das war’s dann auch schon. Danach wird nur noch in einer keilschriftartigen Darstellung der Titel des neuen Liedes eingeblendet, sowie das Datum der Veröffentlichung in römischen Lettern. Und doch war dies mehr als genug Material, um eine reißerische Empörung zu entfachen.
Da ich auf Bild.de aus Prinzip nicht verlinke, zitiere ich aus der SZ:

„Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte der Bild-Zeitung, eine Inszenierung als “todgeweihte KZ-Häftlinge stellt die Überschreitung einer roten Linie dar”. Wenn dies rein verkaufsfördernd sein solle, handle es sich um eine “geschmacklose Ausnutzung der Kunstfreiheit”.

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, warf den Musikern eine “Instrumentalisierung und Verharmlosung des Holocaust” vor. Die Band habe eine Grenze überschritten, sagte sie der Bild. “Wie Rammstein hier das Leid und die Ermordung von Millionen zu Entertainment-Zwecken missbraucht, ist frivol und abstoßend.”

Die Sprecherin der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem rief zu einem verantwortlichen Umgang mit der Erinnerung an die ermordeten Juden auf. Die Institution Yad Vashem kritisiere “nicht generell künstlerische Arbeiten, die an Holocaust-Bilder erinnern”, sagte sie der Zeitung. Respektvolle künstlerische Darstellungen könnten legitim sein. Sie dürften die Erinnerung an den Holocaust jedoch keinesfalls beleidigen, herabsetzen oder schänden – und nicht nur als “bloßes Werkzeug” dienen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.“

Es ist hier zu betonen, dass dies Reaktionen auf den Teaser sind, nicht auf das gesamte Video.
Yad Vashem schneidet in meinen Augen in ihrer Kritik am Vernünftigsten ab, da sie das Gesamtwerk abwartet, statt sich vorschnell zu empören. Sie wirft somit nicht mit Vorwürfen um sich, ohne das gesamte Werk betrachtet zu haben.
Natürlich hat es einen gewissen Beigeschmack, dass eine Band, welche vor allem für Provokation bekannt ist, ein solch sensibles Thema besetzt, um für eine neue Veröffentlichung zu werben, sodass die frühe Empörung nicht vollends unverständlich ist. Wir wollen jedoch nicht vergessen, dass die Verbrechen Deutschlands nicht erst seit Rammstein in Kunst und Literatur einfließen und sicher war es auch nicht der erste Trailer, wo eine Szene aus dem Holocaust zu sehen ist. Die Stoßrichtung der verfrühten Kritik ist eine andere: „ausgerechnet DIE!“, denn Rammstein ist nicht nur für Provokation (besonders in Musivideos: wie bereits in „Mein Teil“ oder „Pussy“) bekannt, sondern mussten sich bereits viel früher gegen das Stigmata rechts zu sein wehren, besonders nach der Nutzung von Filmmaterial von Leni Riefenstahl für das Lied Stripped. Der Verdacht rechts zu sein, kann jedoch nicht mehr als Kritikpunkt geführt werden, da Rammstein sich innerhalb ihrer künstlerischen Laufbahn von rechtem Gedankengut mehrfach ausreichend distanziert haben, allen voran durch ihr Schaffen (man denke an das politische Richtungsbekenntnis mit „Links 2 3 4“ oder den ironischen Seitenhieb mit „Mein Land“). Solch frühe Kritik, bevor das Gesamtwerk überhaupt betrachtet werden kann, kann höchstens durch eine Sache gerechtfertigt werden: den kommerziellen Aspekt. Es ist tatsächlich schwer einzuschätzen, ob die Vereinnahmung eines solch sensiblen Themas den Zweck einer künstlerischen Aufarbeitung hat, oder doch eher Marketingzwecken dient. Da Rammstein ihre Bekanntheit auch einigen gezielten Provokationen erst zu verdanken haben, ist zweiteres nicht auszuschließen. Dies ändert sich auch nach Veröffentlichung des Gesamtwerkes nicht unbedingt.

 

Das Gesamtwerk im Kontrast

Was nach der Veröffentlichung des gesamten Songs samt Musikvideo definitiv ausgeschlossen werden kann, dass von „Deutschland“ irgendeine Form von Deutschtümelei ausgeht. Das fast 10-minütige Gesamtwerk ist ein gnadenloser Ritt durch die Geschichte, und auf „gnadenlos“ liegt der Schwerpunkt. Es sind vor allem dunkle Kapitel, dunkel präsentiert: Von der Varusschlacht, bei der man (historisch nicht ganz korrekt) gern von einer ersten „germanischen“ Verbundenheit spricht, über Kreuzzüge, Hexenverbrennung und Kolonialismus, bis zu jüngsten Abgründen deutscher Geschichte, im Wechselsprung von der dunkelsten Zeit des Nationalsozialismus zum DDR-Regime und RAF-Terrorismus.
Text, Video und Gesamtaussage laden keineswegs zur nationalistischen Selbstbeweihräucherung ein und Ruby Commey als farbige Germania, dürfte jedem Party-Patrioten mit alltagsrassistischen Schein-Tourette nicht nur ein Wink mit dem Zaunpfahl, sondern ein Wurf mit einem ganzen Zaun sein.
Bewusst unpatriotisch scheint der Text, welcher mit Passagen, wie
„Überheblich, überlegen
Übernehmen, übergeben
Überraschen, überfallen
Deutschland, Deutschland über allen“
klar die problematischen Seiten Deutschlands in den Vordergrund rückt und am Ende der Liebe zum Land eine klare Absage erteilt:
„Deutschland – deine Liebe
Ist Fluch und Segen
Deutschland – meine Liebe
Kann ich dir nicht geben“
Hier ist nicht einmal Ironie oder Doppeldeutigkeit am Werk. So klar hat sich die Band selten gegen Nationalismus und andere völkische Ideologien ausgedrückt. Diese Frage erübrigt sich damit endgültig. Doch ist dies auch nicht wirklich der Gegenstand der eigentlichen Kritik, was viele Fans, die die Band verteidigen, nicht ganz erkennen wollen. Es geht vor allem darum, welches das Motiv die Band hatte, im Teaser ausgerechnet das KZ-Bild und allgemein das Thema Holocaust in einem doch eher popkulturellen Kontext zu verwenden. Kann das Motiv in einer solchen Inszenierung eine ernsthafte und hintergründe Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte sein? Geht es der Band darum verdrehte Neurechte, Identitäre und Rechtspopulisten zu entlarven und die Problematik des „entspannten Deutschlandbildes“, welches diese fordern, aufzuzeigen? Oder war es das Ziel möglichst heftig zu provozieren, zu Marketingzwecken und durch die reflexhafte Empörung breit gefächerte Aufmerksamkeit zu erreichen? Oder vielleicht ist die Band ja auch ganz schlau und hat einfach beides miteinander kombiniert und sowohl eine klare Aussage gegen völkische Umtriebe erbracht und sich dabei bestens verkauft?

Und nun?

Definitiv hat das vollständige Video der Empörung etwas den Wind aus den Segeln genommen. Diese Woche kam bis auf einen bereits eher entkräfteten Plagiatsvorwurf keine weitere Empörung hinzu. Unversöhnlich blieb  „der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner: “Der Wert dieses Videos als künstlerische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und Deutschland als Vaterland liegt weit unter Null”“, was seine Ansichtssache ist. Über Kunst darf man streiten. Ansonsten wurde es mit Ausnahme eines schäumenden Vice-Kommentars und einem skeptisch-ironischen ND-Artikel eher wieder ruhiger um die Band. Von vielen Kritikern des Teasers kam jedenfalls weder Kritik hinzu, noch wurde sie entkräftet. Stattdessen hat Rammstein aber nun eine Menge Zuspruch gewonnen, natürlich von den Fans, aber mittlerweile auch von so einiger Presse. Der Coup ist gelungen!
Die Band selbst hat sich zu der Empörungswelle noch nicht geäußert, vermutlich nach dem Motto: „Lass sie zappeln!“. Auch das ist natürlich Marketing von Finesse!

Streitbar bleibt, ob die Aussage des Gesamtwerks Deutschland und seine Geschichte, insbesondere die Schwere der NS-Verbrechen aufarbeitet oder karikiert. Hinzu kommt Rammsteins Zuordnung zur sogenannten „Neuen Deutschen Härte“, welche mit ihrer martialischen Ausdrucksweise deutschen Musizierens oft gewollt, wie ungewollt eine autoritäre Wirkung erzielen und teilweise auch das entsprechende Publikum anziehen. Das gerade die Bandmitglieder mit dieser „teutonischen“ Wirkung Opfer des Holocaust mimen, wirkt teilweise leider tatsächlich karikativ, was in einer schwierigen Beziehung mit der Erinnerungskultur und dem Gedenken der Opfer steht. Hinzu kommt die cineastische Darstellung im Video, welche eher einem Action-Horror-Psychothriller, als einer geistigen Aufarbeitung gleicht. Rammstein sind jedoch wie gesagt nicht die ersten, welche die NS-Problematik kommerziell und pompös aufarbeiten.
Doch was wäre Kunst, wenn man nicht darüber streiten könnte? Definitiv passt in dem Gesamtwerk alles zusammen, auch wenn sich selbst mir als jahrelangen Rammstein-Kenner nicht alles erschließt (was hat es z.B. mit den Astronauten auf sich?). Die Aussage ist sowohl klar, lässt aber auch viel Interpretationsspielraum. Von Nationalismus oder gar NS-Verherrlichung kann, wie festgestellt, keine Rede sein, selbst wenn das einige Fans auf dem unschönen politischen Spektrum gezielt ignorieren und bei Konzerten „Deutschland, Deutschland über allen“ möglichst laut singen sollten. Diese können jedoch kaum deutlicher ihre Ignoranz veräußern.
Das Werk ist stark inszeniert und ein deutlicher Affort gegen das Völkische. Es mag es in seiner Darstellung an einigen Stellen einen unangenehmen Beigeschmack hinzugeben, da gezielte Provokation und Übertreibung stark mitschwingen. Darüber darf und sollte man streiten.

Doch vielleicht ist genau das, was Rammstein dem heutigen Zeitgeist zuflüstern wollte: Dass wir unsere Erinnerungskultur betreffend den Diskurs am Leben halten sollen, statt uns nur zu empören und Problematiken insgesamt, statt nur in Schnipseln zu erfassen. Fundierte Kritik, statt Schnappatmungen. Und nebenbei wird mit der Produktion ein Haufen Asche gemacht.

Wenn dem so ist: Chapeau!

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1 Comment

  1. Sehr sehr gute Einschätzung und Zusammenfassung. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass mit dieser provozierten Aufregung durch den Teaser der Gesellschaft und dem “Zeitgeist” ein Spiegel vorgehalten werden sollte.

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